Legenden rund um Martin von Tours

Martin als Politiker

Am Bonner Münster befindet sich unter den Metallplastiken von Ernemann Sander zum Leben des heiligen Martin auch diese: Martins Eintreten für Priszillian vor dem Kaiser, ausdrucksstark gezeigt.

In der darstellenden Kunst gibt es kaum ein Werk, das von dem erzählt, was der heilige Martin gegen Ende seines Lebens in Trier erlebt und erlitten hat. Martin mischt sich ein in die Politik. Er setzt sich vor Kaiser Maximus dafür ein, dass der Irrlehrer Priszillian nicht als Ketzer zum Tod verurteilt wird – und bringt damit sich und seine Mönche in Lebensgefahr. So groß ist sein Respekt vor dem Leben eines Menschen! Deshalb hat er Kranke geheilt, Besessene von bösen Geistern befreit, den Bettler vorm Erfrieren gerettet und das Heer verlassen, bevor es zum Töten kommt. Der Kaiser verspricht, dass kein Bluturteil gegen den Angeklagten erfolgen soll. Aber er hält sein Versprechen nicht. Es kommt 386 zum „Blutspruch von Trier“.

Martin greift in die Politik ein

Der heilige Martin war zu seiner Zeit ein politisch engagierter Mensch. Er tat das, was der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Widerstand gegen Hitler so auf den Punkt gebracht hat: „Es genügt nicht, das Opfer unter dem Rad zu verbinden, man muss dem Rad selbst in die Speichen greifen.“ Soziales Engagement im Nahbereich wie auch in der großen Politik: dafür steht St. Martin.

Martin rettet den Bettler vor den Toren von Amiens vor dem Erfrieren – und versucht in Trier, Kaiser Maximus vom Todesurteil für den Irrlehrer Priszillian abzubringen.

Martin ist 25 Jahre Soldat im römischen Heer – und scheidet vor der drohenden Schlacht bei Worms 356 aus dem Kriegsdienst aus. Zu Kaiser Julian sagt er als Begründung: "Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene. Dein Geschenk mag in Empfang nehmen, wer in die Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen". (Persönliche Konsequenz: es gab keine „honesta missio“ (ehrenvoller Abschied) für den Veteranen Martin, kein Landgut zur Altersversorgung.)

Mit seiner Entscheidung, die Waffen niederzulegen, bevor es zu einem Kampf kommt, folgte Martin der klaren Richtlinie der Synode von Arles (314): Damals war beschlossen worden „bezüglich Jener, welche die Waffen im Frieden wegwerfen, sie von der Gemeinschaft auszuschließen“. D.h. Militärdienst ist erlaubt (und wer Soldat ist, muss es eigentlich auch bleiben…), aber das Töten im Krieg bleibt Christen verboten. Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Auslandseinsatz heute müssen manchmal von der Schusswaffe Gebrauch machen, um ihr Leben, das ihrer Kameraden oder das Leben von Menschen zu retten, die sonst z.B. von den Kämpfern des sogenannten IS getötet, vergewaltigt oder verkauft werden. Das Dilemma, andere zu töten oder zuzulassen, dass sie andere töten, das heißt so oder so schuldig zu werden, belastet viele Soldaten, die traumatisiert nach Hause zurückkommen.

Vor genau so ein moralisches Dilemma stellte Kaiser Maximus den Bischof von Tours, als der 386 in der Priszillian-Affäre zum zweiten Mal zum Kaiser kam. Die Hinrichtung des Priszillian, den „Blutspruch von Trier“ hatte Martin bei seiner ersten Intervention nicht verhindern können. Bischöfe hatte Priszillians Tod gefordert , weil er ein Ketzer sei und „Schadenszauber ausübe“; ihnen hatte Martin die Kirchengemeinschaft aufgekündigt, weil sie Blut an den Händen hätten. Kaiser Maximus geht es um die Einheit des Reiches; nur keine Kirchenspaltung! Er stellt Martin vor die Wahl: Entweder du nimmst die communio (die Gemeinschaft und Gottesdienst-Gemeinschaft) mit den Bischöfen wieder auf, die deiner Meinung nach Priszillians Blut an den Händen haben; du nimmst mit ihnen zusammen an der Weihe von Bischof Felix morgen im Dom teil – dann stoppe ich die Verfolgung der Anhänger Priszillians in Spanien und Nordafrika, wie du von mir wünschst… – Oder die Verfolgung der Priszillianer geht weiter, dann hast Du ihr Blut an den Händen.

Martin steht vor einer schweren Gewissensentscheidung: Kommuniongemeinschaft mit den Bischöfen, die den Tod Priszillians zu verantworten haben; oder schuldig zu werden am Tod der verfolgten Priszillianer.

„An diesem Tag trat Martinus in Gemeinschaft mit den Bischöfen; er hielt es für besser, für eine kurze Zeit nachzugeben, als die ihrem Schicksal zu überlassen, über deren Nacken schon das Schwert schwebte“. Aber dann quälte ihn sein Gewissen: „Bald warfen ihm seine Gedanken Schuld vor, bald sprachen sie ihn frei. Plötzlich stand ein Engel vor ihm und sprach: Martinus, mit Recht verurteilen dich Gewissensbisse; allein: es gab für dich keinen anderen Ausweg“.

Martins Überzeugungen – mögliche Grundlagen für heutige Politik. Das ist die Frage.